Landschaft & Natur
Es ist gut möglich, daß ich als ehemaliger Landschärtner einen anderen Blick und eine andere Wahrnehmung auf meine Umwelt habe, als zum Beispiel eine Frisörin oder ein Metzger.
Aber auch wer beruflich nicht viel mit Pflanzen, Erde und Steinen zu tun hatte und nicht sein Leben unter freiem Himmel bestritt, wird von der vorherrschenden Farbe Grün begeistert sein. Es schaut aus, als habe man einen grünen Teppich oder eine Decke über die Berge geworfen, die sich faltenfrei an die Landschaft angepasst haben und am Ufer des Meeres wie abgeschnitten wirken.
Die deutsche winterliche Durststrecke, die nicht nur mit ihren niedrigen Temperaturen glänzt, sondern vor allem mit der begrenzten Farbpalette, die über ein halbes Jahr lang, im tristen grau braunen Bereich schlummert und begünstig durch den niedrigen Sonnenstand ins schattig dunkle abrutscht, sucht man hier vergeblich.
Die Namensgebung des Schwarzwaldes spricht für sich und Gott sei Dank fand ich hier auch keinen Harz ohne, beziehungsweise mit abgestorbenen Bäumen vor.
Auch ein gutes Beispiel dafür, daß die Bäume hier angepasst an ihre Umgebung wachsen und nicht nach dem Willen des Menschen, der hoffentlich bald anfängt seine Vernunft zu gebrauchen, um das Erkannte tatsächlich zu begreifen und umzusetzen, was vor 2500 Jahren schon Bewusstheit erlangte.
Bevor ich das erste Mal nach Griechenland kam, wusste ich nicht viel über meinen neuen Lebensraum. Was ich kannte waren ein paar griechische Restaurants in Deutschland, von Bildern, die in Weiß getünchten Häuser mit blauem Dach und Schlagläden, die auf felsigen Inseln thronen, Schafskäse und ich hatte am Rande gehört, daß Philosophen und Götter hier in Griechenland beheimatet waren. Okay, ich hörte noch von Athen und den dortigen Ruinen, wusste daß Otto Rehagles sehr überraschend als Trainer mit Griechenland Europameister im Fußball wurde und daß es dort viele Urlaubsinseln geben musste. Das wars schon fast, was ich über Griechenland wusste.
Knapp fünf Jahre später bin ich immer noch genauso fasziniert über diese grünen Bergzüge und Hügel, wie an meinem ersten Tag.
Die nahe gelegene Insel Thasos wird nicht umsonst seit den Anfängen des Tourismus als 'Die grüne Insel' bezeichnet, da sie sich von den meisten felsigen, kargen Inseln durch ihren vollen Baumbestand abhebt.
Aber es ist nicht nur das Grün der Wälder, was hier besticht, sondern viel mehr der Kontrast zu dem Blau des Meeres und des meist wolkenlosen Himmels. Diese Farbgebung, diese Kombination aus dem immergrünen hügeligen Land, welches den Eindruck erweckt, es würde aus dem Blau des Meeres herauswachsen, ist schon für sich eine Reise wert. Wenn dann noch durch den Dunst des Meeres das Sonnenlicht gebrochen wird und die Landschaft mit diversen grau Tönen unscharf gewaschen wird, verspürt man Pinsel, Farbe und Leinwand herauszuholen und mit dem Malen zu beginnen.
Die Versuchung, diese mystischen, fast schon göttlich anmutenden Landschaftsbilder und Szenen festzuhalten, ist jedenfalls groß.
Bei jedem Zucken nach dem Handy, um das Jetzt einzufangen, werdet ihr es, so hoffe ich, selbst erfahren.
Pflanzen, die man in Deutschland in Töpfen mühevoll in den Wintergarten oder in die Garage zerren muss, wachsen hier in voller Blütenpracht als Straßenbegleitgrün. Ob Granatapfel, Zitrusfrüchte, Oleander, Datteln oder Palmen, für mich als deutschen Gärtner war Griechenland teilweise eine fremde Welt, was die Flora betrifft.
Als ich das erste Mal mit der Kermeseiche in Berührung kam, dachte ich, es wäre ein Ilex, eine Stechpalme.
Anhand der Früchte, die auf dem Boden lagen, wurde mir aber schnell klar, daß es sich um eine immergrüne Eiche handeln musste, die zusammen mit den Olivenbäumen den dominanten Bewuchs hier darstellen und mit Kiefern zu dem immergrünen Erscheinungsbild beitragen.
Aber auch hunderte Jahre alte Platanen, die hauptsächlich an den Läufen der Flüsse und Bäche wachsen, gehören hier ebenso zur natürlichen Vegetation.
In einer solch üppig und vielfältigen Vegetation fühlen sich natürlich auch die Tiere wohl. Schließlich sind sie die Sämeister, Bestäuber und Verteiler, die entscheidend ihren und unseren Lebensraum mitgestalten.
So wild und anders die Flora für mich war, so überrascht war ich auch über die Tierwelt. Gerne erinnere mich an die Freude zurück, als mir das erste Mal eine griechische Landschildkröte über den Weg lief. Und so ergeht es mir sehr oft, daß ich freudvolle Begegnungen, mit für mich wilden Tieren mache, von den Kleinsten bis zu den Großen, von der Holzbiene bis zu den Pelikanen.
Das glückseligste Aufeinandertreffen war zweifelsfrei der Besuch von Delphinen und der einer großen Meeresschildkröte direkt neben dem Kajak.
Diese Begegnungen wünsche ich jedem, da sie nicht nur bei jedem Freude und Glücksgefühle verursachen, sondern zu tieferen Berührungen führen können, da wir für einen kurzen Augenblick Delfin und Schildkröte zu sein scheinen.
Aber auch Smaragdeidechsen, riesige Tausendfüßler, Schlangen oder bunte Vögel wie die Bienenfresser, die neulich über meiner Terrasse kreisten, sind faszinierend zu beobachten und in Deutschland eine Seltenheit.
Ob dieser Reichtum und diese Vielfalt, die man kaum beschreiben, sondern erleben muss, dazu führten, daß die Biologie ein Drittel des Lebens Aristoteles einnahm?
Möglich wäre es!
Er gilt als der erste ernsthafte Biologe, der schon früh Zusammenhänge und Rückschlüsse aus Beobachtungen und dem Sezieren der Natur erkannte und aufschrieb. Er suchte in der Natur nach dem Ursprung des Lebens, entdeckte die Vielfalt und deren Entfaltung, sowie ihre Lebendigkeit und die daraus resultierende Einzigartigkeit eines jeden Geschöpfes.
Man braucht kein Philosoph, Botaniker, Forscher oder Esoteriker zu sein, um die Natur zu verstehen, zu fühlen und zu spüren.
Es reicht, wenn man sich bewusst und still in ihr aufhält und sich in ihr bewegt.
Dort, und nur dort, ist unser wahres Zuhause. Wir sind ein Teil dessen.
Ein Stück des riesigen Puzzle, welches so erscheint es, über das Greifbare und den Horizont hinausgeht.
Möglicherweise ist es genau das Teil, welches uns fehlt und wonach wir unser ganzes Leben lang suchen.
Seit dem Sesshaftwerden der Menschen, hat sich dieser sukzessive von der Natur gelöst und sich von ihr abgespalten, sie als sein Hab und Gut unterworfen und beutet nun fleißig seinen Besitz aus.
Daß wir auf einer Kugel unterwegs sind und daß wir von dieser Kugel so abhängig sind, wie der Fischer vom Fisch, scheint durch die Gier, den Neid und die Angst komplett in Vergessenheit zu geraten.
Um so wertvoller sind Gebiete, in denen der Mensch noch nicht sein volles Potenzial der Habgier ausgeschöpft hat, wie es hier im Balkan noch der Fall ist. Hier liegt die Betonung bewusst auf 'noch'.